Bergsteigerherz | © DAV Laufen

Ein Bergsteigerherz altert nicht!

06.05.2022

Die obligatorische Frage nach dem Gesundheitszustand wird im Alltag meist mit einem mürrischen „schlecht“ beantwortet. Dauerhaft zwickt und zwackt etwas, mal Knie, mal Rücken, manchmal alles. Eine leichte Verbesserung zeigt sich, sobald ein Tag in den Bergen ansteht; dann weht ein etwas optimistischeres „passt scho“ entgegen.

Sind erstmal die Bergschuhe geschnürt, die erste Bergluft eingeatmet und der Rucksack geschultert - ist ein eindeutiger Wandel erkennbar. Die Muskeln spannen sich, die Miene hellt sich auf und in den Augen ist dieser unverwechselbare Glanz erkennbar – ein erwartungsvolles, sehnsüchtiges und erlösendes Leuchten, entstanden und gewachsen auf unzähligen Touren. Zeit ist auf einmal relativ, Vergangenes erscheint aus den tiefen der Erinnerungen. Und ein vertrautes Gefühl von Heimat macht sich breit - in bekannter Umgebung unterwegs zu sein – dahoam zu sein – in den Bergen. Dabei spielt es keine Rolle, wo der Berg gerade steht. Für mich ist es immer wieder wunderbar, diesen jugendlichen Energiefluss, der von den Bergen in meine Eltern überzugehen scheint, mitzuerleben.

So wieder geschehen, als wir an einem Dienstagmorgen, Ende März 2021, vom Wanderparkplatz in Geitau Richtung Soinsee aufbrachen. Zu erwähnen sei noch, dass mein Vater kommenden Sommer sein 80stes Lebensjahr vollendet und meine Mutter Anfang des Jahres 78 geworden ist. In morgendlicher Stille trabten wir vorbei am Segelflugplatz – meine Mutter tapfer ihre Tourenski geschultert, mein Vater, in Bergschuhen, ungeduldig bereits ein paar Meter voraus, als könne er es nicht erwarten endlich das gelobte Land zu betreten und seine Füße wieder auf Wurzeln, Stock und Stein zu setzen.

Vergessen sind Herausforderungen des Alltags und des alternden Körpers! Das Herz gefüllt mit jugendlichem Tatendrang, unterstützt durch eine erfahrene Bergseele, so schrauben wir uns Höhenmeter für Höhenmeter voran.

Als nach Erreichen des Soinsees und einer dortigen Verschnaufpause, von meinem Vater bereits nach wenigen Minuten die klare Aufforderung zum Weiter-Marsch kam, war klar, dass hier nicht unser finales Tagesziel war. Wie so oft auf unseren gemeinsamen Bergtagen wird ein anfänglich konservativ ausgesprochenes, mögliches Tagesziel so oft wie möglich ausgedehnt, denn Bergtage sollten eigentlich nie enden!

Bei meiner Mutter konnte ich ein zufriedenes, innerliches Nicken und Zustimmung erkennen, dass dieser Tag auch viel zu schön sei – als jetzt schon wieder umzukehren!

Nach der natürlich auch zum Ritual gehörenden ausgiebigen Brotzeitpause auf der Großtiefenthalalm, mit Blick auf Ruchenköpfe und Erzählungen über dortige Kletterabenteuer vergangener Tage, ist nicht wirklich Überredungskunst von Nöten die Eltern zum Weitergehen zu motivieren – der Miesingsattel ist ja nicht mehr weit!

Ehe wir es uns versehen, ist auch dieser erklommen und wir blicken gemeinsam – jedes Mal von neuem, staunend, erfüllt und zufrieden in die Ferne und umher. Rotwand, Auerpitz und Sonnwendjoch…. standen auch zu Jugendzeiten meiner Eltern bereits so erhaben und ästhetisch in unserem wunderschönen bayrischen Voralpenland und bieten Orientierung und Erdung in einer sich verändernden Welt.

 

Diese Momente habe ich zu schätzen gelernt und ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie mir dieses Geschenk gemacht haben. Die Berge zu verstehen. Deren Magie zu genießen und von ihnen fürs Leben lernen zu können. Kraft zu finden und Ruhe, Ehrfurcht, Dankbarkeit und Freude. Sich überwinden und durchbeißen, belohnt mit magischen Augenblicken. Ein zuhause zu haben – egal wo man ist.

Umso schöner ist es, das noch mit meinen Eltern gemeinsam erleben zu dürfen – Momente fürs Museum der Erinnerungen. Davon haben meine Eltern wahrlich viele; beide seit über 60 Jahren Mitglied im Deutschen Alpenverein (Sektion Laufen) und laut Tourenbuch-Aufzeichnungen meines Vaters 2.612 gemeinsame Bergtage – umgerechnet also mehr als 7 Jahre „Bergzeit“! Das erfüllt mich mit Freude, Stolz und Anerkennung meinen Eltern gegenüber!

Dass wir die Miesing-Umrundung natürlich noch vollendet haben und nach 17 Kilometern, über tausend Höhenmetern und 7 Stunden, glücklich und erfüllt wieder in Geitau am Wanderparkplatz angekommen sind, hatte ich mit innerlicher Vorfreude bereits am Morgen gewusst - denn ein Bergsteigerherz altert nicht!  

 

Johannes Blatt